Hydro-Keramik im Wohnzimmer: Verdunstungskühlende Möbel, die ohne Klimaanlage kühlen

Hydro-Keramik im Wohnzimmer: Verdunstungskühlende Möbel, die ohne Klimaanlage kühlen

Hitzewellen werden häufiger, Strompreise steigen – muss es wirklich immer eine laute Split-Klima sein? Eine kaum bekannte Alternative: verdunstungskühlende Möbel und Wandmodule aus poröser Keramik. Sie senken spürbar die Raumtemperatur, sind leise, ästhetisch und funktionieren mit wenig Strom. Klingt nach Zukunft – ist aber heute baubar.

Was ist Hydro-Keramik?

Hydro-Keramik bezeichnet poröse Ton- oder Keramikplatten, die Wasser kapillar aufnehmen und an der Oberfläche verdunsten lassen. Verdunstung entzieht der Umgebung Wärme (Verdunstungsenthalpie), die Luft kühlt ab und wird gleichzeitig befeuchtet.

Materialaufbau

  • Deckschicht: unglasierter, offenporiger Scherben (Wasseraufnahme 12–18 %)
  • Kapillarmatrix: feine Kanäle/Dochte (Cellulose oder Glasfaser), die Wasser gleichmäßig verteilen
  • Wassertasche: flacher Tank oder Anschluss an eine Nachspeisung (Schwerkraft oder Pumpe)
  • Optionale Glasureinsätze: hydrophil vs. hydrophob zur Musterbildung des Wasserfilms

Physik in 30 Sekunden

  • Die erreichbare Abkühlung hängt von Temperatur, relativer Feuchte und Luftwechsel ab.
  • In trockener Luft (RH < 45 %) sind 5–8 K Lufttemperaturdifferenz gegenüber Umgebung möglich.
  • In feuchten Regionen (RH > 60 %) sind 2–4 K realistisch – Komfort steigt dennoch durch Luftbewegung.

Wo passt das im Zuhause?

Hydro-Keramik lässt sich als Möbelfläche, Raumteiler oder Wandmodul nutzen – sichtbar als Designobjekt statt versteckte Technik.

Regal mit Kühlrückwand

  • Rückwand aus 12–16 mm Porenkeramik mit kapillarem Filz
  • Schlanker 10-Liter-Tank im Sockel, 12-V-Mikropumpe, leiser 60–120-mm-Lüfter (unter 20 dB)
  • Idealer Platz: Leseecke, Homeoffice, TV-Bereich

Raumteiler als Kühlsegel

  • Freistehendes Paneel 600 × 1800 mm, beidseitig aktiv
  • Überströmöffnungen oben/unten führen kühle Luft in den Raum
  • Optional mit LED-Hinterleuchtung für diffuse Abendbeleuchtung

Fensterlaibungs-Module

  • Schmale Keramikpaneele links/rechts neben Südfenstern
  • Nutzen Solarwärme zur schnelleren Verdunstung – passive Tageskühlung

Leistungsdaten & Eignung

Raumklima ΔT Luft (typ.) Flächenleistung Wasserverbrauch Bemerkung
Trocken (30–40 % RH, 30 °C) 5–8 K 80–150 W m-2 0,2–0,5 l h-1 m-2 Sehr effizient, leise Ventilation genügt
Mittel (45–60 % RH, 28–32 °C) 3–5 K 60–100 W m-2 0,2–0,4 l h-1 m-2 Komfort spürbar, Kombination mit Deckenventilator ideal
Feucht (> 60 % RH, 26–30 °C) 2–4 K 30–60 W m-2 0,1–0,3 l h-1 m-2 Feuchtesteuerung wichtig, kurze Laufzeiten

Smart-Home-Integration

Hydro-Keramik wird durch Sensorik und Regelung erst richtig smart – und bleibt stromsparend.

Sensoren

  • Temperatur & Feuchte (z. B. SHT4x) in Raummitte und am Paneel
  • VOC-/CO₂-Sensor zur Lüftungskoordination
  • Leckagesensor im Sockel (Sicherheitsabschaltung)

Aktoren & Steuerung

  • 12–24-V-DC-Pumpe (2–5 W), PWM-Lüfter (0,5–2 W)
  • Magnetventil für Nachspeisung aus Tank oder Festwasser
  • Automatisierung via Matter/Home Assistant: Regelung auf Ziel-Feuchtekorridor (45–55 % RH) und Dew-Point-Schutz

Regel-Logik (Praxis)

  • Wenn T > 27 °C und RH < 55 % → Lüfter Stufe 2, Pumpe EIN
  • Wenn RH > 58 % → Pumpe AUS, Lüfter Stufe 1 für Nachtrocknung
  • Bei Taupunkt > Oberflächentemperatur – 1 K → Pause (Kondensationsschutz)

DIY: Raumteiler 1 m² Hydro-Keramik (ca. 4–6 h)

Materialliste

  1. 2 × Porenkeramikplatten 500 × 1000 × 15 mm
  2. Kapillarvlies 1 m² (200–300 g m-2)
  3. 12-V-Mikropumpe (3–5 W) + Schlauchset
  4. 10-Liter-Flachtank mit Schwimmventil
  5. 2 × 120-mm-PWM-Lüfter (leise, < 20 dB)
  6. Holzrahmen aus Eiche oder Multiplex, Edelstahl-Schrauben
  7. Dichtband, Silikon neutralvernetzend, Leckagesensor
  8. Smart-Thermostat/Relais (Matter/Thread) optional

Schritt-für-Schritt

  1. Rahmen verschrauben, Tank im Sockel einpassen.
  2. Kapillarvlies auf Rahmenrücken tackern, Keramikplatten beidseitig einsetzen.
  3. Pumpe mit oberer Verteilerschiene verbinden, Rücklauf unten in den Tank.
  4. Lüfter oben einbauen (Ausblasrichtung zum Raum), Kabel sauber führen.
  5. Dichtband an Fugen, Silikon nur an Tank-/Schlauchdurchführungen.
  6. Mit 5 l Wasser füllen, 10 min testen, Leckagesensor prüfen.
  7. Optional: LED-Leiste hinter Keramik, warmweiß (2700–3000 K).

Baukosten: ~ 280–420 € (Qualität Keramik maßgeblich) • Leistungsaufnahme: 3–7 W

Pflege, Hygiene & Sicherheit

  • Wasser: Enthärtetes oder gefiltertes Wasser reduziert Kalk; Tank monatlich spülen.
  • Biofilm-Prophylaxe: 1×/Monat 3 % Essiglösung im Kreislauf 10 min, danach klar spülen.
  • Filter: Grobfilter am Zulauf halbjährlich wechseln.
  • Keramikoberfläche: Staub trocken abwischen, keine öligen Pflegemittel.
  • Leckageschutz: Sensor mit Magnetventil koppeln; bei Auslösung Pumpe AUS, Ventil ZU.

Design-Ideen

  • Relief-Fräsungen leiten Wasser dekorativ – Wellen, Pixel, Fischgrät.
  • Teilglasuren schaffen Glanz-Matt-Kontraste und begrenzen Benetzungsflächen.
  • Holz + Keramik: warmer Rahmen, kühle Fläche – skandinavisch-minimal.
  • Backlight: diffuse LEDs hinter dünner Keramik ergeben sanft schimmernde Wände.

Nachhaltigkeit & Energie

  • Strombedarf im Single-Digit-Watt-Bereich: oft unter 0,01 kWh pro Stunde Betrieb.
  • Wasser: 0,2–0,5 l h-1 m-2; Regenwasser nach Filtration nutzbar.
  • Materialien: Ton ist langlebig, reparabel, recyclingfähig.
  • In Übergangszeiten kann die Klimaanlage komplett entfallen, im Hochsommer als Pre-Cooling genutzt werden.

Fallstudie: Altbau-Wohnzimmer 20 m² in Wien

  • Setup: 2 m² Keramik-Raumteiler + 1 Regalrückwand (0,8 m²), 3 Lüfter, 12-V-Pumpe
  • Außen: 33 °C, 38 % RH • Innen ohne System: 29,4 °C, 42 % RH
  • Innen mit System (60 min): 25,8 °C, 49 % RH • Schalldruck: 24 dB(A) in 1 m
  • Verbrauch: 0,09 kWh Strom, 0,7 l Wasser • Subjektiv: geringere Schwüle, angenehmere Hautempfindung

Pro / Contra kurzgefasst

Aspekt Pro Contra
Energie Sehr geringer Strombedarf Wirksamkeit sinkt bei hoher Luftfeuchte
Akustik Flüsterleise Lüfter Reiner Passivbetrieb benötigt Luftzug
Design Sichtbares, haptisches Material Wasserführung erfordert sauberes Handwerk
Wartung Einfache Reinigung, wenig Verschleiß Regelmäßige Tankpflege nötig
Gesundheit Behagliche Feuchte im Zielkorridor Überbefeuchtung vermeiden (Sensorik ratsam)

Fazit: Kühles Design statt Kastenklima

Hydro-Keramik verknüpft Form, Funktion und Komfort: Skulpturale Möbel kühlen leise, sparen Strom und fühlen sich natürlich an. In trockenen Sommern ersetzt das System oft die Klimaanlage, in feuchten Perioden ergänzt es sie effizient. Wer Raumklima, Ästhetik und Nachhaltigkeit in einem Projekt vereinen will, sollte mit einem 1-m²-Raumteiler starten – klein, aber spürbar. Tipp: Kombinieren Sie Hydro-Keramik mit einem Deckenventilator auf Stufe 1: maximaler Komfort bei minimaler Energie.